Lauf-Liebe

LAUF-LIEBE

Und als ich mal wieder lustlos auf dem Cross-Trainer stehe und die Minuten zähle, träume ich vom Laufen...

Die Vögel zwitschern um die Wette, als der Wecker klingelt. Ich bin schon wach, da der Sommerduft durchs Fenster weht und mich an der Nase kitzelt. Ich schlüpfe aus dem Bett, leise, da das Haus noch schläft. Auf Zehenspitzen hüpfe ich durch die Wohnung. Die Handgriffe sind Routine. Die Vorfreude im Bauch nicht. Ich lege die GPS-Uhr an, schnüre meine Laufschuhe. Beruhigende Rituale. Die Gedanken laufen schon die erste Runde. Dann endlich raus. Der Sommermorgen empfängt mich mit seinem noch kühlen Atem, der einen wolkenlosen Sonnentag verspricht. Es riecht nach Morgentau und Margeriten. Ich schaue auf meine Uhr und drücke den Startknopf.

Der leise Piepton hallt wie ein Startschuss in meinen Ohren. Die Muskeln spannen sich an, Kopf und Geist entspannen sich. Der erste Schritt eines Laufs - als würde man aus dem zu engen Korsett des Alltags schlüpfen. Endlich frei. Der Atem geht gleichmäßig, die Füße folgen dem Rhythmus. Die Schritte auf dem Asphalt - einem Mantra gleich. Tap-tap-tap-tap. Langsam wird der Körper warm. So fühlt sich Leben an. Der harte Asphalt weicht weichem Waldboden. Das Vogelkonzert wird lauter, während sich die Sonne langsam aus dem Schatten der Bäume schält. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut. Fast allein im Wald und doch umgeben von Leben. Zwei Eichhörnchen umwirbeln einen dicken Eichen-Stamm, bevor sie in der saftgrünen Laubkrone verschwinden. Schmetterlinge tanzen verliebt im Licht der aufgehenden Sonne und weiche Hasen-Knäuel mümmeln im Gras, um dann Haken schlagend über den Waldweg zu stäuben. Sogar ein Reh lässt sich im Dickicht den jungen Klee schmecken.

Einzigartige Natur - jeden Morgen ein neues Wunder. Ich sauge sie auf mit jedem Schritt, sie umfängt mich mit jedem Atemzug, bis wir schließlich eins werden. Die Kilometer verrinnen wie die Tautropfen auf den Grashalmen. Die Wiese lockt mich und ich verlasse den Waldweg, um durch das feuchte Gras zu streifen. Die Beine werden nass, aber das macht nichts. Die Sonne strahlt inzwischen mit voller Julimorgen-Kraft vom Himmel und wärmt herrlich. Was für ein Bild: die Sonne durchbricht die Äste und lässt den Boden wie Gold schimmern. Ich banne den Moment in ein Bild - dafür muss Zeit sein. Der Puls ist im Wohlfühlbereich, doch die Beine wollen mehr. 

Zurück auf dem Waldweg ziehe ich das Tempo an. Auch das gehört zum Laufen: raus aus der Komfort-Zone, rein in den Wettkampf-Modus. Austesten, was der Körper zu leisten im Stande ist. Der Boden flitzt unter den Füßen vorbei. Die Natur am Wegesrand verwischt zu einem grünen Flecken-Teppich. Das Ich ist im Hier und Jetzt, der Atem durchschneidet die Luft in immer schnellerem Takt. Weiter, immer weiter. Lauftrance. Runner's High. Nichts schmeckt köstlicher.

Der Wald spuckt mich wieder auf die Straße. Inzwischen ist die Stadt erwacht und ich genieße das sichere Gefühl des letzten Kilometers. Die Lunge hat Luft für einen Endspurt - die Beine ziehen mit. Der Mund testet schon einmal das Sieger-Lächeln. Als ich die Haustür-Linie durchbreche, lacht mein ganzer Körper. Das langsame Auslaufen ist das Geschenk des harten Sprints - nichts fühlt sich besser an. Der Stopp-Knopf meiner GPS-Uhr jubelt: geschafft! Ein warmes Zufriedenheitsgefühl steigt aus den Füßen in den Kopf, vermischt mit ein wenig Stolz. Ich steige die Treppen zu meiner Wohnung hinauf, diese typische Mischung aus Erschöpfung und Energie in den Beinen - jeder Läufer kennt dieses Gefühl. Es ist kurz vor halb 8. Zeit für's Frühstück. Das Müsli schmeckt wie ein Fünf-Sterne-Gericht. Und während mir unter der Dusche die warmen Wassertropfen übers Gesicht perlen und sich die letzte Anstrengung in tiefe Zufriedenheit verwandelt, wache ich aus meinem Tagtraum auf.

Ich stehe wieder im Fitnessraum. Draußen ist es noch dunkel und das Licht der Neon-Röhren brennt unangenehm in den Augen. Die grellen roten Zahlen auf dem Bildschirm zeigen verhöhnend 40 Minuten an. Ich trabe tapfer weiter - und träume von Sommer, gesunden Knien und Margeriten-Duft.
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